DRAMA
Kokoschka und Mahler
Es war, als sie sich im April 1912 erstmals begegneten, so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Doch auf das Glück folgte der Frust und der expressionistische Maler Oskar Kokoschka verhedderte sich in einer dramatischen Liebesbeziehung.
Oskar Kokoschka Frau in Blau, 1919 Öl auf Leinwand, 78 x 103 cm Staatsgalerie Stuttgart © Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Bildquelle © Museum Folkwang |
Alma Mahler hieß die Angebetete, die den 26-jährigen Verliebten derart beeindruckte, dass er noch am selben Abend einen Brief mit einem Heiratswunsch verfasste. Daraus wurde nichts, wie heute allgemein bekannt ist. Aber der Einfluss der Witwe des berühmten Komponisten Gustav Mahler, der gerade ein Jahr zuvor verstorben war, auf den sieben Jahre jüngeren Oskar war kolossal.
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In der Ausstellung Frau in Blau – Oskar Kokoschka und Alma Mahler präsentiert das Essener Museum Folkwang erstmals seit über 30 Jahren die von Alma Mahler (1879–1964) inspirierten Werke Oskar Kokoschkas (1886–1980).
Der bedeutende Werkzyklus ist Zeitzeugnis und expressionistisches Hauptwerk zugleich. Die annähernd 30 Arbeiten – überwiegend Leihgaben aus internationalen Sammlungen – offenbaren die Dramatik der Liebesbeziehung zwischen Alma und Oskar und markieren wichtige Wendepunkte in Kokoschkas Malweise.
Der Anlass für das Treffen, welches eine bewegte Liebesphase einläuten sollte, war eher banal: Oskar Kokoschka und Alma Mahler trafen sich im Haus von Carl Moll, Almas Stiefvater, der Kokoschka schon vorher gekannt hatte.
Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes wollte sich die Witwe Alma Mahler von dem jungen Kokoschka portraitieren lassen. Der Künstler hatte bis dahin in der Wiener Kunstszene für viel Aufregung gesorgt - und Alma bat den Maler zum Diner! Im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts war sie eine bekannte Salonnière der städtischen Gesellschaft.
Die Bekanntschaft zwischen Alma und Oskar entwickelte sich zwar schnell zu einer engen, aber überaus schwierigen Beziehung. Schon gut drei Jahre später, im Mai 1915, erklärte Alma die Liaison mit Oskar für beendet. Sie wollte ihn weder heiraten noch ein Kind zur Welt bringen; sie war zwei Mal von ihm schwanger.
Oskar Kokoschka Doppelbildnis Oskar Kokoschka und Alma Mahler, 1912, Öl auf Leinwand, 100 x 90 cm Museum Folkwang, Essen © Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Bildquelle © Museum Folkwang
Hugo Erfurth Portaitfoto von Oskar Kokoschka 1919. Foto © Wikipedia gemeinfrei
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Die obsessive Liebe fand ihren Ausdruck in zahlreichen Werken, die zwischen 1912 und 1922 entstanden.
Den Höhepunkt seiner Sehnsucht erreichte Kokoschka um 1919, als er nach dem Vorbild Alma Mahlers eine lebensgroße Puppe anfertigen ließ, eine Figur, ausgestattet mit den Zügen von Alma Mahler. Frau in Blau (1919) war wohl das erste Gemälde, welches die Puppe als Modell hatte.
Oskar Kokoschka ließ die Mahler-Attrappe von einer Kunstgewerblerin anfertigen. Hernach diente sie ihm als inspirierende Muse für seine Malerei. Rund 160 gezeichnete Studien bereiteten das Bild Frau in Blau vor, das mit seinen pastosen gespachtelten Malschichten die Materialität des üppigen Körpers sinnlich erfahrbar mache, wie es heute heißt. Die herausgestellte Brustpartie und die offene Hand der in Erwartung sich präsentierenden Verführerin „verdeutlichen jedoch auch die Verderbtheit dieses künstlich geschaffenen Fetischs“, wie die Stuttgarter Staatsgalerie einmal schrieb.
Jugendfoto: Alma Margaretha Maria Schindler, später Alma Mahler-Werfel, unbekannter Fotograf, Fotografie vor 1899. Bildquelle © Wikipedia gemeinfrei
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Offenbar war im Milieu der großen Freizügigkeit der Zwanzigerjahre Kokoschkas Eifersucht – etwa auf Almas verstorbenen Ehemann – ein beständiges Handicap. Die Beziehung ging auseinander und die berühmte Muse auf Distanz.
Bei einem Urlaub mit Tochter traf sie einen vertrauten Bekannten wieder, den Architekten und Bauhaus-Gründer Walter Gropius (1883–1969). Drei Monate später heiratete sie den Baumeister, für den es die erste Ehe war. Gropius hatte Alma Mahler, als schillernde Persönlichkeit der Wiener Bohème, noch zu Lebzeiten ihres Gatten bereits 1910 während einer Kur kennengelernt und nachweislich einige Intimitäten mit ihr ausgetauscht. Von Gropius war bekannt, dass er verheiratete Damen besonders schätzte.
Der verliebte Oskar Kokoschka fand sich nur schwer mit der Trennung ab. Dennoch: Mit Oskar Kokoschka verband Alma Mahler lebenslange Gemeinsamkeiten und Erinnerungen, die auch im Brief Kokoschkas zu Almas 70. Geburtstag im Jahre 1949 dokumentiert sind.
cpw
► Die Ehe mit Walter Gropius wurde später geschieden. Alma Mahler heiratete 1929 den österreichischen Dichter Franz Werfel (1890–1945). Sie trug von da an den Namen Alma Mahler-Werfel.
► Sechs Essener Kulturinstitutionen präsentieren bis zum 22. Juni 2025 das Festival DOPPELBILDNISSE. Alma Mahler-Werfel im Spiegel der Wiener Moderne. Die Häuser widmen sich damit einer der faszinierendsten und zugleich umstrittensten Persönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts: Mit dem Festival beleuchten das Aalto Musiktheater, die Alte Synagoge, die Essener Philharmoniker, die Folkwang Universität der Künste, das Museum Folkwang und die Philharmonie Essen das Leben und Wirken der Künstlerin Alma Mahler-Werfel.
Die Ausstellung Frau in Blau wird bis zum 22. Juni 2025 gezeigt.
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel . 0201 / 8845 160
Öffnungszeiten
DI, MI, SA, SO 10 - 18 Uhr
DO, FR 10 bis 20 Uhr
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