FOTOGRAFIE
Historisches auf Glasplatten
Ein geschlossener Fotobestand mit über 45.000 Negativ-Glasplatten und Motiven aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist nicht alltäglich. Das Neusser Stadtarchiv barg vor zwei Jahrzehnten einen derartigen Foto-Fund.
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Heinrich Kleu Historische Ansicht vom Zeughaus und dem alten Clemes-Sels-Museum am Markt in Neuss. Das restaurierte Foto zeigt noch die Beschädigung an dem Glasplattennegativ. Sie wurde bei der Digitalisierung nicht retuschiert. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss, Fotoatelier Kleu |
Nach umfangreichen, höchst intensiven und zeitraubenden Arbeiten hat das Neusser Stadtarchiv nun den weitgehenden Abschluss der konservatorischen und restauratorischen Bearbeitung sowie auch der archivischen Erschließung der ungewöhnlichen Fotosammlung bekannt gegeben.
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Heinrich Kleu Selbstportrait. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss, Fotoatelier Kleu
Werbeanzeige des Atelier Heinrich Kleu aus dem Jahre 1903. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss, Fotoatelier Kleu
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Es handelt sich um historische Fotografien aus dem Fotoatelier des örtlichen Fotografen Heinrich Kleu (1879–1948), angefertigt zwischen 1903 und 1945.
Der Fotograf Kleu, gebürtiger Niederländer aus Roermond, betrieb in diesem Zeitraum ein „Atelier für moderne Photographie“ in der Neusser Innenstadt. „Comfortabel der Neuzeit“ entsprechend warb der Mittzwanziger ab 1903 für sein Start-up mit „erstklassiger Arbeit“. Ferner mit dem Hinweis, dass „bei trüber Witterung und abends“ die Foto-Aufnahmen „in meinem patentierten Kunstlicht-Atelier“ stattfänden – Marketing vor über 120 Jahren!
Seine Motive fand Kleu im urbanen Alltag, bei Familien- und Gesellschaftsfesten wie auch im Werbe- und Industriemilieu der traditionsreichen Hafenstadt Neuss.
Das Stadtarchiv wertete den 2005 von einem Dachboden geborgenen Bildersegen „als unschätzbare Bereicherung“ für die städtischen Annalen, wie die Leiterin des Bildarchivs, Annekatrin Schaller, erklärte. In der Tat sind die fast vier Tonnen wiegenden, sehr schweren Glasplatten-Fotografien nicht nur für die lokale Historie der Stadt Neuss von größter Bedeutung, sondern auch für die regionale Forschung.
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Heinrich Kleu Familienglück in der Zinkwanne. Ungewöhnliches Motiv für die Kaiserzeit. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss, Fotoatelier Kleu |
Die im Zuge der Aufarbeitung erfolgte Digitalisierung des Bestands erstreckte sich auch auf das Register von „Photo Kleu“, so dass jedem Gesicht auf den Negativen auch ein Name zugeordnet werden könne, wie Archivleiter Jens Metzdorf betont. Das beträfe auch NS-Opfer, von denen bislang Portraitaufnahmen fehlten. Dies mache die Sammlung so bedeutsam und auch einmalig.
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Heinrich Kleu Für einen fröhlichen Gruß zum Jahreswechsel 1912 wurde dieses Mädchen auf Wunsch der Familie im Atelier Kleu fotografiert. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss, Fotoatelier Kleu
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Heinrich Kleu verwendete als Bildträger überwiegend Gelatine-Trockenplatten, bei deren Herstellung eine sensibilisierte Gelatineschicht auf eine Glasplatte aufgebracht wurde. Es war die technische Weiterentwicklung der zuvor benutzten und wesentlich komplizierteren Ambrotypie-Technik, auch Kollodium-Nassplatten-Verfahren genannt. Diese Methode erforderte kurz vor der eigentlichen Fotografie eine Glasbeschichtung mit einer zähflüssigen Emulsion aus Kollodium, einer Mixtur aus Nitrozellulose, Ether und Alkohol, wie es auch in der Medizin etwa für kleine Wundverschlüsse angewendet wird.
Beide Verfahren galten als kostengünstig. Wobei der Vorteil der Gelatine-Trockenplatten gegenüber der Nass-Technik in einer kürzeren Belichtungszeit, einer einfacheren Handhabung und der Lagerfähigkeit vor der Belichtung und Entwicklung lag. Diese Erfindung förderte daher ab der Jahrhundertwende auch die private Hobby-Fotografie.
Nur noch Fachleute verstehen sich heute auf diese Uralt-Techniken der Fotografie. Vor allem das extrem chemielastige Kollodium-Nassplatten-Verfahren (Ambrotypie), erforderte höchst aufwendige Tätigkeiten, wie eine Ausstellung in der Alten Pumpstation Haan verdeutlichte (mehr).
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Heinrich Kleu Industriefotografie, Neusser Hafen (heute Hafenbecken 1) aus dem Jahre 1937. Bildquelle © Stadtarchiv Neuss, Fotoatelier Kleu |
Auch wenn die Kleu-Kollektion jahrzehntelang auf feuchten und staubigen Dachböden lagerte, haben die archivierten Fotografien nichts von ihrer Brillanz verloren. Es sind Schwarz-Weiß-Fotografien mit Tiefenschärfe, beeindruckend hoher Bildqualität und Detailliertheit, wie sie typisch sind für die Glasplatten-Technik. So ist es nicht verwunderlich, dass Glasnegative heute bei Sammlern und Fotoliebhabern hoch im Kurs stehen und auf Kunstauktionen beträchtliche Erlöse erzielen.
Glasplattennegative gehören in die Anfänge der fotografischen Technik und sind als historisch relevante Dokumente zu betrachten, wie es im Neusser Stadtarchiv heißt. Die jahrelange Aufarbeitung der Fundstücke, ihre Säuberung, Restauration und Katalogisierung war ohne den Einsatz von Ehrenamtlern nicht möglich gewesen, wie Archivleiter Jens Metzdorf anlässlich der Präsentation hervorhob.
rART/ cpw
► Mit seiner urkundlichen Ersterwähnung als archivum publicum Nusie im Jahr 1242 gehört das Stadtarchiv Neuss zu den ältesten kommunalen Archiven in Deutschland. Wie Stadtarchivar Jens Metzdorf erklärte, sichert diese älteste städtische Einrichtung seit dem Mittelalter die rechtlichen und historisch relevanten Unterlagen von Rat, Verwaltung und Bürgerschaft für die Zukunft und arbeitet heute als öffentlicher Informationsdienstleister und als Zentrum städtischer Erinnerungskultur.
► Die Einsichtnahme in Archivgut im Benutzersaal ist kostenfrei. Der Saal befindet sich wegen Umbaumaßnahmen in der Oberstraße 17 (neben dem Stadtarchivgebäude). Für Besuche sind vorab Termine zu vereinbaren.
Stadtarchiv der Stadt Neuss
Oberstraße 17
41460 Neuss
Tel 02131 904250
Öffnungszeiten
DI, Mi, Fr 9 – 16 Uhr
DO 9 – 18 Uhr
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