FOTOGRAFIE
Die Büdchen-Archivarin
Schon beim ersten Blick ist klar: Diese Fotografien stehen in der sachlich-dokumentarischen Tradition der Becher-Schule. Die Bildautorin: Tata Ronkholz.
Tata Ronkholz Trinkhalle, Düsseldorf, Sankt-Franziskus-Straße 107, 1977. Bildquelle SK Stiftung, Foto © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025 |
Auch wenn es sich nicht wie bei Bernd und Hilla Becher (mehr) vorzugsweise um Wasser-, Kühl- und Fördertürme, Fachwerkbauten, Hüttenbetriebe oder Fabrikanlagen handelt. Die Objekte der gebürtigen Krefelderin Tata Ronkholz (1940–1997) tragen eher Alltagscharakter, viele stammen aus den urbanen Zentren der Rhein-Ruhr-Region.
Ihr Motivspektrum ist gleichwohl breiter. Darunter ebenfalls Hafenkais, Werkstore, Logistikanlagen und historisch bedeutsame industrielle Architektur (mehr).
Tata Ronkholz Rheinhafen Düsseldorf, Technik und Kräne, undatiert. Aus der Serie „Rheinhafen Düsseldorf“, 1979–1981. Bildquelle SK Stiftung, Foto © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025 |
Tata Ronkholz Palazzo dei Vescovi (Museo dell’Antico), Pistoia, 1975. Bildquelle SK Stiftung, Foto © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025
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Vor allem aber sind es Fotografien von Kiosken, Trinkhallen und Büdchen, mit denen sie vermehrt Aufmerksamkeit erreichte und die ihr den Titel einer Art „Büdchen-Dokumentaristin“ einbrachten.
Es geht um jene typischen Treffpunkte, die nicht nur eine wichtige Funktion für die städtischen Nachbarschaften darstellen, sondern darüber hinaus stets auch Orte der Integration und des Austausches unter den Bürgern waren und sind.
Dieses populäre Kulturgut mit dem ganz und gar nicht einheitlichen, aber unverkennbaren Baustil ist seit 2020 immaterielles Erbe des Landes Nordrhein-Westfalen und als Zeugnis besonderer kultureller Kreativität im Landesinventar verzeichnet (mehr).
Das war zu den Zeiten der Fotografin Ronkholz anders. Das "Büdchen" war Alltag. Auch wenn Kulturkenner jener Jahre den drohenden Verlust der Büdchen- und Trinkhallenkultur als Nahversorgungseinrichtung bereits voraussahen.
Erstmals wird das Werk der Fotokünstlerin umfassend gewürdigt. Tata Ronkholz – Gestaltete Welt Eine Retrospektive titelt die Schau, die die Photographische Sammlung/SK der Stiftung Kultur in Zusammenarbeit mit VAN HAM Art Estate und dem Stadtmuseum Düsseldorf zeigt.
Tata Ronkholz Imbissstube Köln-Mülheim, Berliner Straße 120, 1979. Bildquelle SK Stiftung, Foto © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025 |
Die klaren Kompositionen, das serielle Vorgehen und der dokumentarische Ansatz, der sich auf architektonische Strukturen und Alltagsarchitekturen wie zum Beispiel Kleingewerbe, einfache Verkaufsstellen oder ambulante Geschäfte konzentriert, zeichnen ihr Werk aus.
Mit ihrer Großbildkamera hatte sie klar durchgezeichnete und wirklichkeitsgetreue Fotografien geschaffen, deren Motive, weniger aber die Handschrift der Bildautorin, zentral im Mittelpunkt stehen. Die Umsetzung ihrer Arbeiten in Schwarz-Weiß überwiegt, obwohl auch Ansichten in Farbe vorkommen, die ihre Ambitionen belegten, einen Weg in die - in den 1970er/80er Jahren aufkommende - künstlerische Farbfotografie zu finden.
Tata Ronkholz Rheinhafen Düsseldorf, Technik und Kräne, undatiert. Aus der Serie „Rheinhafen Düsseldorf“, 1979–1981. Bildquelle SK Stiftung, Foto © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025
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Das Schöne an der Ausstellung: Die abgebildeten Details rufen bei älteren Jahrgängen schnell Erinnerungen wach! An das eigene Lebensumfeld damals, oder an Einkaufsgewohnheiten vergangener Jahrzehnte.
Ronkholz’ Motive zeugen so mittelbar vom sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandel an Rhein und Ruhr.
Gleichzeitig sind ihre Fotografien anschauliche „Grundlage für eine soziologische Untersuchung der eigenen Spezies, die auf gesellschaftliche wichtige Fragen" zurückgehe, wie es in der Stiftung heißt. Und die lauten: Welche Bedürfnisse hatten und haben wir? Was brauchten und brauchen wir zum Leben? Wie gestalten wir unser Umfeld? Welche Funktion übernehmen Bilder?
rART/cpw
► Die Bildautorin Tata Ronkholz trug den Mädchennamen Maria Juliana Roswitha Tölle. Sie arbeitete nicht nur als Fotografin, sondern ferner als Produktdesignerin und Innenarchitektin. Sie gehörte zu den frühen Studierenden der Becher-Klasse an der Kunstakademie Düsseldorf. Zu ihren Mitstudierenden zählten unter anderen so renommierte Künstler wie Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff, Thomas Struth und Petra Wunderlich.
Die Ausstellung Tata Ronkholz – Gestaltete Welt Eine Retrospektive wird bis zum 13. Juli 2025 präsentiert.
Die Photographische Sammlung/
SK Stiftung Kultur
Im Mediapark 7
50670 Köln
Tel 0221 / 88895 300
Öffnungszeiten
Täglich 14 – 19 Uhr
MI geschlossen
Am ersten Donnerstag im Monat ist der Eintritt frei und die Öffnungszeit bis 21 Uhr verlängert.
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